Saturday, July 29, 2006

Hikikomori

Hunderttausende von jungen Japanern leiden an einer seelischen Störung mit dem Namen Hikikomori. Sie sperren sich in ihre Zimmer ein und verlassen kaum das Haus. Eltern sind dem hilflos ausgeliefert.

Hikikomori heißt übersetzt „Rückzug“. Die Betroffenen verstecken sich länger als sechs Monate in einem Zimmer vor der Welt und brechen alle sozialen Kontakte ab. Mit Hikikomori wird sowohl die Störung als auch der Betroffene benannt. Manche von ihnen verlassen gelegentlich ihr Zimmer zu den Mahlzeiten mit den Eltern, zu nächtlichen Ausflügen zum Kiosk oder um neue Videospiele, DVDs und CDs zu kaufen.

Die meisten von ihnen sind männlich. So schätzen Experten die Zahl der erkrankten Japaner auf eine Million, wovon 80% männlich sind. Einige von ihnen verabschieden sich im Alter von 13 oder 14 Jahren von der Welt und bleiben bis zu 15 Jahren oder länger in der von ihnen selbst gewählten Isolation.

In den letzten zehn Jahren ist Hikikomori immer mehr zum sozialen Problem geworden. Ähnlich der Magersucht, die sich im wesentlichen auf die westliche Kultur beschränkt, ist Hikikomori eine Zivilisationskrankheit.

Über die Ursachen ist man sich noch nicht ganz klar. Man vermutet jedoch, dass sie stark mit dem Bildungsdruck zusammenhängen. In der Mittelstufe des Schulsystems bekommen die Jungs den Druck am stärksten zu spüren und ihr späterer Lebensweg hängt wesentlich davon ab. Genaugenommen ist Hikikomori dann der Wiederstand gegen diesen Druck.

Bei einem Jungen namens Hiroshi war der Auslöser für seinen Rückzug ein Referat. Seine Eltern meinen ihn überfordert zu haben. Er war intelligent und gut, sie haben ihn aber nie gelobt oder ihm ihre Liebe gezeigt. Zudem haben sie ihn auf eine Schule geschickt, auf die er nicht gehen wollte. Seit dem kommt er nicht mehr aus seinem Zimmer. In den letzten zwei Jahren hat er nur zwei Mahlzeiten mit seinen Eltern eingenommen, obwohl die Küche nur fünf Meter von seinem Zimmer entfernt ist. So wie die meisten von ihnen denkt auch er, „lieber im Zimmer bleiben als in die Welt hinausgehen und eine Niederlage zu erleben“.

Was die Hikikomori in ihren Zimmern machen ist nicht immer bekannt. Manche beschäftigen sich mit Mangas, DVDs, Musik oder basteln, andere schauen nicht mal fern, sondern liegen nur auf dem Bett. So unterschiedlich die Ausprägungen auch sind, sie alle meiden sozialen Kontakt, isolieren sich total und sind komplett von ihren Eltern abhängig und müssen von ihnen versorgt werden. Diese finanzielle Belastung ist für viele Eltern fast nicht tragbar.

Es kostet die Eltern meist große Überwindung um Rat zu bitten, denn sie haben Angst ihren guten Ruf zu verlieren. Über den geht nichts in Japan. Um sie zu unterstützen hat sich die Organisation New Start gegründet. Sie versuchen durch sogenannte Mietschwestern Kontakt zu den Hikikomoris aufzubauen und wieder zu resozialisieren.

Der Begriff Hikikomori wurde von dem Chefarzt des Sofukai-Sasaki-Krankenhaus bei Tokio Dr. Tamaki Saito geprägt. Mitte der 1980er-Jahre sah er sich mit dem Problem konfrontiert, dass immer mehr junge Männer in seine Praxis kamen und über Lethargie und Bindungsverlust klagten und sich deswegen in den eigenen vier Wänden verkrochen. Seit Jahren gilt er als Experte auf dem Hikikomori-Gebiet. Er sieht die Krankheit als Symptom der familiären und sozialen Krise in der japanischen Kultur.

Maggie Jones: Kinder auf dem Rückzug. In: emotion Mai (2006) S. 124 

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