Friday, July 07, 2006

Dandy auf Japanisch - I -

Ein Dandy ist laut einer Beschreibung von Charles Baudelaire ein „Mensch, dessen einziger Beruf die Eleganz ist“[1], der im Luxus groß gezogen und von Jugend auf an den Gehorsam der anderen Menschen gewöhnt ist und der keine andere Beschäftigung hat, als seinem Glück nachzulaufen.

Solche Dandys gab es auch in Japan, allerdings vor mehr 1000 Jahren. Zu jener Zeit ist auch die Sage um Prinz Genji entstanden, doch um dieses näher ausführen zu können, gilt es erst einmal das Japan dieser Zeit zu beschreiben.

Kaiser Kammu verlegte im Jahr 794 den Kaiserpalast von Nagoaka etwa 15 Kilometer nach Norden, an einen gesegneten Ort zwischen dem Katsura- und dem Kamo-Fluss, wo die Nähe des Berges Hiei Schutz vor Dämonen verhieß. Binnen kurzer Zeit ist die Stadt stark gewachsen und heißt jetzt Heian – „Hauptstadt des Friedens“, später Kyoto. Dieses goldene, herbstbunte Zeitalter, in der Geschichtsschreibung „Heian-Zeit“ genannt, wird über vier Jahrhunderte andauern, bis 1183 der Kriegsherr Minamoto no Yoritomo die Macht an sich reißt und den Regierungssitz nach Kamakura verlegt.

In der „Hauptstadt des Friedens“ herrscht die Dekadenz. Hier gilt alles Nützliche als vulgär: die Wissenschaft, die Bildung, erst recht die Philosophie. Die Höfe der Universitäten, die einst eifrig chinesische Klassiker in japanische Köpfe pressten, sind mit Gras überwachsen und die Lesesäle leer. Professoren gelten als unansehnliche Gestalten, mit ihrer schlecht sitzenden, ausgeliehenen Kleidung. Selbst die Jagd und der Ausritt über die Ländereien finden in Heian keinen Anklang, obwohl sie in anderen Zeiten und Welten klassische Prestige-Hobbys der Oberschicht sind. Hier wird nach der Regel „Schön ist, was keinen Zweck hat“[2] gelebt.

Nicht Vermögen oder Verdienste sondern die Geburt ist es, die Status, Einkommen und Privilegien regelt. So wird auch der Anteil an der Reisernte sowie der Zutritt zu den Kaiseraudienzen, sogar die Strenge von Gerichtsurteilen oder die Höhe von Steuern – von denen die obersten fünf Ränge sowieso vollkommen befreit sind – durch sie geregelt. Die weniger als ein Tausendstel der Bevölkerung ausmachende Schicht der „guten Leute“, Yoki hito genannt, bildet die Oberschicht.

Das restliche Japan finanziert mit seinen Abgaben und seiner Arbeitskraft die feine Hofgesellschaft. Die Elite nimmt sie wenn überhaupt mit einem Gefühl von Ekel war. Sozusagen ein dummes, unkultiviertes Volk, das nur die Sprache strenger Gesetzt versteht. So ist es Bauern zum Beispiel verboten, Fisch zu essen oder Sake zu trinken. Von ihnen will die Oberschicht nichts wissen, für sie ist der „Glanz des Mondes“ fast schon zu schade.

Am Hof werden die Unterscheidungen zwischen Unten und Oben in sehr geringen Nuancen sichtbar. So signalisieren die Anzahl der Falten im Fächer die Rangzugehörigkeit. 25 für die obersten drei Ränge, 23 für den vierten und fünften und 23 für die niederen zwölf. Zudem hilft ein Farbkodex, bei der Zuordnung des Ranges.

Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass man einander anhand der Stimme, Wortwahl und Gestik erkennt und bemisst. Man sagt, dass selbst ein Husten im Dunkeln die noble Geburt verrät.

Die Bewohner Heians hegen ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Natur. Ihre Gärten sind Kunstgärten, in denen sie sich an Sommertagen aufhalten. Eine Art Traumreich wird für sie geschaffen, damit sie hier ihr Leben verbringen können. Für sie ist die Natur nicht nur unvollkommen, sondern auch gefährlich. Aus diesem Grund ist alles schön, was die Natur in ihre Schranken weißt. Deshalb sind die Flüsse in ihren Gärten begradigt und parallel angeordnet und Hügel werden symmetrisch zu den Flüssen angelegt. Das Ganze Kunstwerk erreicht seinen Höhepunkt zum Beispiel, wenn der Mond durch sein Licht die exakten Konturen perfekt in Szene setzt.

Aus eben diesem Grund, weil etwas nur schön ist, wenn es die Natur in ihre Schranken weißt, verändern die Heian Bewohner auch sich selbst. Die Frauen zum Beispiel zupfen sich die Augenbrauen ganz aus, um sich danach eine Linie ein paar Zentimeter höher wieder nachzuzeichnen. Außerdem schwärzen sie sich die Zähne. Dies wird erzielt, indem sie einen Sud aus Tee mit eingelegten Eisenspänen eine zeitlang im Mund behalten. Das veraltete Schönheitsideal der weißen Zähne löst bei den Männern Entsetzen und Verachtung aus und erinnere sie an geschälte Raupen im Mund.

Die Dandys dieser Zeit sind androgyne Wesen. Sie parfümieren sich großzügig die Haare sowie die Kleidung, weinen über den Abschied der Geliebten, den Sonnenaufgang und vieles mehr. Sie pudern sich ihre Gesichter mit einer Mischung aus Kupferchlorid und weißen Blei. Ein schlecht gepudertes Männerantlitz erinnert die Heian-Frauen an „dunkle Erde, auf welcher der Schnee zu Flecken geschmolzen ist“[3]. Des Öfteren werden auch Parfüm-Wettbewerbe abgehalten, bei denen die Männer versuchen, durch ihre bestimmten Kreationen die Natur noch zu übertreffen.

Die spätere Kultur der Samurais ist den Heian noch fremd. Für sie sind die Soldaten verachtenswerte Personen, die vulgär, ungeschliffen und verbauert sind. Zudem haben sie keine Ahnung von Musik und den anderen angenehmen Seiten des Lebens.

Aus eben diesen Gründen gibt es auch kein Heer in Heian. Dies führ dann 1183 dazu, dass die Stadt den Angriffen der Krieger aus dem Osten nicht standhalten konnten und wie eingangs schon erwähnt, der Kriegsherr Minamoto no Yoritomo die Regentschaft übernahm.

„Hauptstadt des Friedens“ heißt sie nicht nur, sondern ist auch die Philosophie der Bewohner.


-to be continued-


[1] http://www.randomhouse.de/book/excerpt.jsp?edi=117977
[2] Jörg-Uwe Albig: Heian-Zeit, um 1000: Am Hof der Sorglosen. In: Geo Epoche Nr. 21 (2006), S.44
[3]Jörg-Uwe Albig: Heian-Zeit, um 1000: Am Hof der Sorglosen. In: Geo Epoche Nr. 21 (2006), S.50

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